Themeninitiative Digitalisierung - SPÖ (105/SN-132/ME)
Haltung
ablehnend
Schlagwörter
Rechtliche Verweise
- Audiovisuelle Mediendienste-Gesetz
- KommAustria-Gesetz
Forderungen
- Umsetzung weniger invasiver, aber wirksamerer Maßnahmen
- Aufklärungskampagnen für die gesamte Bevölkerung außerhalb von Bildungseinrichtungen
- Bereitstellung von Elterninformationen
- Initiativen zur Entwicklung von Resilienz gegen Sucht, Fake-News und Manipulation
Volltext ↗ Parlament.gv.at
Stellungnahme zu Audiovisuelle Mediendienste-Gesetz, KommAustria-Gesetz, Änderung
Sehr geehrte Damen und Herren,
zunächst einmal möchten wir unseren Dank ausdrücken, dass sich die Regierung dem
drängenden Thema der Auswirkungen von Social Media auf die Gesellschaft widmet.
Mit Freude haben wir auf den konkreten Entwurf des Gesetzes gewartet, um uns damit auf Basis
eines tatsächlichen Gesetzestextes und nicht nur von Absichtserklärungen Stellung beziehen zu
können.
Positiv hervorzuheben sind die Absicht, Plattformen auf Basis ihrer jugendgefährdenden
Funktionen zu regulieren, und damit den Kern des Problems zu adressieren. Auch positiv zu
bewerten ist, dass mit der Zahlungssperre wirtschaftlicher Druck ausgeübt wird, um Plattformen
dazu zu bewegen, der Verantwortung nachzukommen, derer sie sich bisher entzogen haben.
Der vorliegende Gesetzesentwurf enthält jedoch folgende grundlegende Schwächen:
Die im Entwurf geforderten technischen Anforderungen für die Altersverifikation sind aktuell nicht
verfügbar und daher nicht erprobt. Die ID Austria kann die Anforderungen des Gesetzes nicht
erfüllen, und eine zeitnahe Umsetzung des geforderten Standards erscheint fragwürdig. Zudem
gibt es derzeit auch keine privaten Anbieter am Markt, die diese Vorgaben erfüllen könnten.
Selbst wenn solche Anbieter existieren würden, wäre eine rasche Zertifizierung dieser nicht
realistisch. Ohne verlässliche technische Grundlagen ist aber eine glaubwürdige Überprüfung
der Altersangaben mit den geplanten Mitteln nicht möglich, was den ganzen Zweck des Gesetzes
in Frage stellt.
Ein weiteres zentrales Problem ist die leicht mögliche Umgehung der Maßnahmen. Ohne einen
totalen Überwachungsstaat zu planen (an dem auch Russland und China scheitern) werden
Nutzer:innen weiterhin Wege finden, die Beschränkungen zu umgehen. Dies führt zu einer
Zweiklassengesellschaft, in der ehrliche Nutzer:innen benachteiligt und ausgeschlossen werden,
während andere durch technische Maßnahmen die Regeln spielend unterlaufen können.
Bedauerlicherweise werden weniger invasive, aber wirksamere Maßnahmen nicht umgesetzt
oder auf deren möglichen Erfolg nicht gewartet. Zwar ist es zu begrüßen, dass Medienkompetenz
immer zentraler in den Lehrplänen verankert wird, doch bleibt dies die einzige Maßnahme in
diesem Bereich. Außerhalb von Bildungseinrichtungen und für die gesamte Bevölkerung fehlen
Aufklärungskampagnen, Elterninformationen oder an die ganze Gesellschaft gerichtete
Initiativen, um Resilienz gegen Sucht, Fake-News und Manipulation zu entwickeln und die
Medienkompetenz an sich zu stärken.
Unter diesen Voraussetzungen droht die Schaffung von wirkungslosem Recht, das Kinder und
Jugendliche nicht schützt, sondern sie sogar in riskante Situationen drängt. Nutzer:innen werden
so in die Arme fragwürdiger Gratis-VPN-Anbieter getrieben, während seriöse, kostenpflichtige
Dienste unter Generalverdacht geraten. Zudem ist zu befürchten, dass Einschränkungen für
VPN-Nutzer:innen zunehmen werden, was die Freiheit und Privatsphäre aller Bürger:innen weiter
einschränkt.
Die überraschende Ausweitung, des als Social-Media-Alterskontrolle präsentierten Gesetzes auf
pornographische Webseiten ‚ nährt den Verdacht, dass der ursprüngliche Zweck nur als
Zwischenetappe verstanden wird.
Zusammenfassend muss damit zum Schluss gekommen werden, dass dieses Gesetzesvorhaben
erstmals wirkungslos bleiben wird, das offiziell angestrebte Ziel Kinder und Jugendliche zu
schützen nicht erreichen kann und Österreich sich als Vorreiter einer staatlichen Internetzensur
positioniert.
Mit kopfschüttelnden Grüßen,
Ing. Sebastian Kehrer, MA
für die Themeninitiative Digitalisierung